Juden in LeipzigEin geschichtlicher ‹berblick von Steffen Held

Große Gemeindesynagoge

Eine mittelalterliche jüdische Quelle lässt auf die Anwesenheit von Juden in Leipzig in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts schließen. 1349 wurden die Juden wahrscheinlich vertrieben. Wenige Jahre später erfolgte eine Neuansiedlung. Ende 1364 lebten mindestens drei jüdische Familien in Leipzig. Im 14. und 15. Jahrhundert bildeten die Juden in Leipzig keine eigene Gemeinde. Es handelte sich um eine jüdische Siedlung. Einen jüdischen Friedhof, eine der wichtigsten Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde, besaßen die Juden nicht. Sie lebten separiert von der christlichen Gesellschaft. Die Juden blieben Fremde. Im zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts kam es in Sachsen zu umfassenden Vertreibungen. Ein letzter Hinweis auf in Leipzig ansässige Juden datiert aus dem Jahr 1446. Doch Juden verschwanden nicht gänzlich aus dem Stadtbild. Es ist eine Besonderheit Leipzigs, dass im 16. und 17. Jahrhundert den Juden in Leipzig das Wohnrecht verweigert wurde, sich aber dreimal jährlich zu den Messen jüdische Kaufleute, Händler und Hausierer in großer Zahl für mehrere Wochen auf Leipzigs Straßen und in Herbergen aufhielten.

In der Geschichte Leipzigs fehlt die Tradition einer Jüdischen Gemeinde im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Als 1710 der sächsische Kurfürst August der Starke einen Schutzbrief für den jüdischen Kaufmann Gerd Levi aus Hamburg für den Silberhandel ausstellte und ein dauerhaftes Niederlassungsrecht in der Messestadt aussprach, begann die neuzeitliche Geschichte der Juden in Leipzig.

Die Zahl der jüdischen Einwohner wurde auf administrativen Wege begrenzt. So lebten um 1733 etwa 30 Juden in Leipzig. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts blieb die Zahl der ansässigen Juden gering. Erst 1814 gelang es der jüdischen Kaufmannschaft aus dem galizischen Brody vom Rat der Stadt Leipzig die Zustimmung zur Anlegung des ersten jüdischen Friedhofs in Leipzig zu erwirken. Staatliche, kommunale und wirtschaftliche Restriktionen bestimmten lange Zeit das gesellschaftliche Auftreten der Juden. Nach den innenpolitischen Veränderungen im Königreich Sachsen seit 1830 gingen Regierung und Landesverwaltungen daran, auch ihre Vorgehensweisen gegenüber den Emanzipations- und Verbürgerlichungsbestrebungen der Juden zu modifizieren. Ein Gesetz von 1837 gestattete die Gründung von Jüdischen Gemeinden in Dresden und Leipzig. Der Gründungsprozess der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig fand am 2. Juni 1847 seinen Abschluss. Nach nur einjähriger Planungs- und Bauzeit konnte am 10. September 1855 die von dem Semperschüler Otto Simonson geschaffene Hauptsynagoge an der Gottschedstraße geweiht werden.

Zwei Ereignisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übten eine bahnbrechende Wirkung auf die Entwicklung jüdischen Lebens in Leipzig aus. Es waren die sächsische Gewerbeordnung von 1861 und die Aufhebung der Niederlassungsbeschränkungen für Juden durch die sächsischen Ausführungsbestimmungen zur Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867. Daraufhin zog Leipzig mehr und mehr jüdische Kaufleute an.
Während der Leipziger Messe hatten die jüdischen Pelz- und Fellhändler aus Polen und Russland vor allem in den Herbergen am Brühl logiert. Dort befanden sich auch die Geschäftslokale und die Lagerräume. In kleinen Betstuben wurden die Gottesdienste gefeiert und zum Sukkot (Laubhüttenfest) in den Handelshöfen Laubhütten errichtet. Allmählich entwickelte sich der Brühl und die angrenzenden Straßen zum Mittelpunkt des jüdischen Handelsverkehrs. Den unteren östlichen Teil dieses Straßenzugs nannten die Leipziger den „Judenbrühl“. Als sich dann im Laufe des 19. Jahrhunderts die jüdischen Rauchwarenhändler etablierten, wurde der Brühl zum Synonym für Leipzig als Zentrum des internationalen Rauchwarenhandels. Kennzeichnend wurde die Zuwanderung von Juden aus Osteuropa. Im Rauchwarenhandel und den Kürschnereien, aber auch in anderen Branchen war ein jüdisches Proletariat zu Hause. Hier stellte Leipzig eine Besonderheit dar.

In seiner Bedeutung als Metropole der Verlagswesens, der Buchherstellung und der Printmedien war Leipzig während des Kaiserreichs auch eine Hochburg des literarischen Judenhasses. Nach dem Ersten Weltkrieg gingen in steigendem Maße antisemitische Parteien und Verbände mit gewaltbereiten Mitgliedern und Sympathisanten aggressiv gegen Juden vor. Im  Jahre 1922 war in Leipzig eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet worden. Andererseits wurden in der Weimarer Republik, der Blütezeit jüdischen Lebens in Leipzig, gesellschaftliche Barrieren im Zusammenleben von nichtjüdischen und jüdischen Bürgern, die im Kaiserreich bestanden hatten, aufgeweicht. Bedeutende wohltätige Stiftungen und Bauwerke wurden während der republikanischen Jahre geschaffen. Herzuheben sind das Israelitische Krankenhaus der Eitingon-Stiftung, das Jüdische Altersheim der Ariowitsch-Stiftung, die Ez-Chajim-Synagoge und der Neue Israelitische Friedhof.

Die Nationalsozialisten brachen nach dem 30. Januar 1933 sukzessive mit scheinbar festverankerten zivilisatorischen Prinzipien. Nach der Einbeziehung in die Regierungsverantwortung ging die NSDAP gegen die politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung vor; zugleich begannen die Nationalsozialisten mit einer rassenideologischen Durchdringung der Gesellschaft. Nach der Ausschaltung der parteipolitischen Gegner rückte nun ein antijüdisches Vorgehen ins Zentrum der Innen- und Außenpolitik des NS-Staates. Mit einer rassistischen Stoßrichtung sollten die Juden systematisch aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen werden. Auftakt zu einem umfassenden antijüdischen Vorgehen war der Boykott gegen jüdische Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen am 1. April 1933. Es folgten Berufsverbote gegen jüdische Beamte, Hochschullehrer, Rechtsanwälte und Notare. In Leipzig wurden etwa 15.000 Männer, Frauen und Kinder als Juden identifiziert und verfolgt.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der so genannten Reichspogromnacht, wurden die Hauptsynagoge in der Gottschedstraße und die Ez-Chajim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße zerstört. Weitere Brandstiftungen erfolgten auf dem Neuen Israelitischen Friedhof und im Kaufhaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz. Fast alle Synagogen und Bethäuser, die jüdische Schule, viele Geschäfte und Wohnungen von Juden wurden geplündert. SA-Männer ermordeten den jüdischen Arzt Felix Benno Cohn. Im Laufe des 10. November 1938 wurden etwa 550 Leipziger Juden verhaftet und etwa 400 von ihnen in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 verschärften die Nationalsozialisten in der antijüdischen Politik ihr Vorgehen drastisch. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurde im Reichssicherheitshauptamt ein unvorstellbarer Mordplan entwickelt. Es begann die Vernichtung der Juden Europas. Am 21. Januar 1942 erfolgte der erste Transport von Juden aus Leipzig nach Riga. Bis 1945 gingen weitere Transporte nach Bełżyce, Auschwitz und Theresienstadt. Etwa 2.000 Männer, Frauen und Kinder jüdischer Herkunft wurden von 1942 bis 1945 aus Leipzig deportiert und nur etwa 220 von ihnen überlebten und kehrten zurück.

Unmittelbar nach dem Ende des Krieges begründeten die wenigen in Leipzig verbliebenen Juden die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig neu. Durch die Rückkehr der Überlebenden aus dem Sonderghetto Theresienstadt, dem Konzentrationslager Buchenwald und einigen anderen Lagern sowie jüdischen Überlebenden, die es nach Leipzig verschlagen hatte, aber auch Juden aus Polen, beispielsweise die späteren Gemeindevorsitzenden Eugen Gollomb und Aron Adlerstein, entstand wieder jüdisches Leben. Bis zum Juli 1949 stieg die Mitgliederzahl der Jüdischen Gemeinde auf 340 Personen. Seit 1948/49 wurden die Juden von der Staatspartei SED mit Misstrauen betrachtet und Ende 1952 setzte eine antizionistische und antisemitische Kampagne ein, die zur Flucht vieler Juden aus Leipzig führte. In den folgenden drei Jahrzehnten erhielt die kleine Jüdische Gemeinde von staatlichen Stellen zwar materielle Unterstützung, sie kam aber in der politischen Kultur und Öffentlichkeit der DDR fast nicht mehr vor. Die Jüdische Gemeinde in Leipzig war zuletzt überaltert und eine schleichende Auflösung war zu befürchten. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten kamen die ersten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Leipzig. Dieser Zuzug, der weiter andauert, legte das Fundament für eine Renaissance jüdischen Lebens. Heute zählt die Jüdische Gemeinde etwa 1.300 Mitglieder. Ein liberaler Landesrabbiner, ein orthodoxer Rabbiner und eine Religionslehrerin tragen Sorge, dass sich das religiöse Leben vertieft und verbreitert. Seit Dezember 2005 trägt ein Tora-Zentrum zur Verbreitung jüdischen Wissens vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei. Im Januar 2006 öffnete ein jüdischer Kindergarten seine Pforten.

Seit 1988 wird in Leipzig wieder öffentlich an die jüdische Geschichte erinnert. Nach der Friedlichen Revolution hat die Stadtverwaltung in vielfältiger Weise die Erinnerung an die Geschichte und Kultur der Juden und das Gedenken an die Opfer des Holocaust befördert. Seit 1995 findet alle zwei Jahre die „Jüdische Woche“ statt. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe jüdischer Bürger, die mit ihren Kindern oder Enkelkindern für eine Woche ihre frühere Heimatstadt und die Plätze ihrer Kindheit besuchen. Im Jahre 2001 konnte am Ort der in der „Reichspogromnacht“ zerstörten Hauptsynagoge das Große Mahnmal für die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eingeweiht werden.

Ein neues Kapitel nachbarschaftlicher Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden, Besuchern und Kulturschaffenden aus dem In- und Ausland, wird nach der Eröffnung des Kultur- und Begegnungszentrums „Ariowitsch-Haus“ in der Hinrichsenstraße 14 am 15. Mai 2009 geschrieben.